DAS OBERTON-ATELIER BEIM FESTIVAL BOHEMIA CANTAT
ÜBER DAS OBERTONSINGEN
DAS OBERTONSINGEN UND ICH

DAS OBERTONSINGEN UND ICH


Als ich im Jahr 1995 in Ljubljana das erste Mal einen Obertonchor hörte, war ich beinahe schockiert.
Nach meiner fühnzehnjährigen Chorleitertätigkeit dachte ich nämlich, dass mich nichts mehr überraschen könnte. Der Klang des Obertonchores aus Düsseldorf mit dem Chorleiter Christian Bollmann begeisterte mich augenblicklich, und ich wusste sofort, dass ich diese Technik auch beherrschen wollte, und dass mein weiterer Weg als Chorleiter in diese Richtung führen würde. So nahm ich gleich in Ljubliana am Obertonseminar des Christian Bollmann teil.

Im darauffolgenden Jahr versuchte ich allein, diese Töne zu erreichen. Ich wusste nicht, an wenn ich mich wenden konnte. Niemand kannte den Obertongesang, im Internet fand man nur David Hykes und Christian Bollmann. Beide waren weit entfernt.
In Sydney (1996) besuchte ich im Rahmen des Chorleiterkongresses gleich zwei Obertonseminare - mit Sarah Hopkins und Tran Quang Hai. Langsam bekam ich eine Ahnung, wie Obertonsingen funktioniert.

Christian Zehnder (1996) - Zuerst machte ich seine Cd ausfindig, dann erst ihn selbst. Ich rief ihn an, und gleich wurden wir Kameraden. Daraufhin fuhr ich regelmäßig zu ihm nach Basel, und er unterrichtete mich bereitwillig.

Kvintus 1996 - 2000. Ich begann, mit meinem Chor zu experimentieren und brachte den SängerInnen das Obertonsingen bei. Kvintus war damals in guter Form und sang sehr schöne Obertöne. Das Lied ,,Silence my soul" war der Höhepunkt eines jeden Konzertes. Auch Christian Zehnder kam zu unserem Sommerlager, um uns zu helfen - er gab jedem Chormitglied Einzelstunden. Es gab aber das Problem, dass nicht alle Mitglieder meine Begeisterung für den Obertongesang teilten. Während ich sehr viel Energie investierte (individuelle Unterrichtsstunden), taten einige nur das Nötigste und übten zu Hause nicht. Im Februar 2000 hatte ich genug davon und beendete das Obertonprogramm mit Kvintus.
Ich glaube, dass es der größte Fehler war, den ich während meiner Chorleiterzeit machte. Ich sollte die unzufriedenen SängerInnen zu anderen Chören in Liberec schicken, Kvintus teilen und mit dem Rest des Chores weiterhin Obertöne singen.

David Hykes (Herbst 2000) hielt in Prag ein Konzert und auch ein Seminar ab. Dort lernte ich einige obertonbegeisterte Leute aus Prag kennen. Sie konnten zwar nicht besonders gut singen, waren von diesem Obertongesang aber ganz weg. So haben wir gleich gemeinsam einen Obertonchor gegründet.
Nun machte ich den zweiten grundlegenden Fehler. In meiner Begeisterung für den Obertonklang wollte ich nicht sehen, dass ein Chor - auch über ziemlich gute Obertöne - nicht weit kommt, wenn er nicht beim normalen Singen ein hohes Niveau hat. Die Mitglieder meines Obertonchores waren zwar begeisterte Obertonsänger, im normalen Chorsingen machten sie aber keine großen Fortschritte. Die umgekehrte Situation von Kvintus.
Nach einem erfolgreichen Auftritt bei einem Festival in Bergen (September 2000), wo wir eine ganze Reihe von europäischen Obertonsängern kennenlernten - z.B. Chris Amrhein und Wolfgang Saus - gruppierten sich einige Mitglieder meines Chores im Laufe des Frühling 2003 und verließen uns als Gruppe Tashi deley. Ich gründete im Herbst des Jahres 2003 einen neuen Obertonchor, Spektrum, mit Obertonprogramm, aber auch mit normalem Chorprogramm.
Ich hoffe, dass ich in Zukunft keine solchen groben Fehler mehr machen werde.

Mein erstes Obertonseminar leitete ich im Jahr 2002 in Salzburg im Rahmen der internatinalen pädagogischen Tage für Lehrer für Musikerziehung. Seitdem fahre ich jedes Jahr hin. Jährlich halte ich Obertonkurse in Italien und Österreich, ein paarmal hatte ich auch in Deutschland einen Auftrag als Referent.
Ich hatte eine Vorlesung an der Universität für Musik und Darstellende Kunst in Wien, eine am Kongress für Chorleiter in Deutschland und eine im Chorleiterkurs in Prag.
Am Festival Bohemia Cantat führte ich gemeinsam mit Wolfgang Saus ein Obertonatelier.

Obertonsingen sehe ich hauptsächlich mit den Augen eines Chorleiters. Ich bin davon überzeugt, dass sich viele klassische Chorstücke und Bearbeitungen von Volksliedern - ohne Eingriff in die Partitur - mit nur leicht klingenden Obertönen bereichern ließen. Ich glaube, dass die Obertontechniken dem Chorklang eine neue Dimension geben können und im Chorgesang sehr gut anwendbar sind. Ich glaube, dass das Suchen in diesem Bereich einen Sinn hat und dass es sich auszahlt, sich dieser Suche zu widmen.

Die musikalischen Möglichkeiten des Oberton - Sologesanges sind begrenzt. Während ein Obertonsolist nur mit Mühe zweistimmige Lieder für eine Aufführung im Konzert einstudieren kann, spielen zwei durchschnittliche Instrumentalisten dieselben Lieder praktisch ohne Übung und wahrscheinlich mit besserem musikalischen Erfolg.
An einem Obertonsolisten fasziniert uns nur der Klang und gewöhnlich auch die Tatsache, dass wir etwas sehen und hören, was wir bis dahin nicht für möglich gehalten haben. Nur selten aber ist es der musikalische Gedanken.

Zum Unterschied vom Oberton-Solo-Gesang verlangt der Obertongesang im Chor nicht die bedingungslose Beherrschung der anspruchsvollsten Techniken.
In vielen Chorstücken kann man durch Benutzung der einfachsten Gesangstechniken sehr schöne Klangeffekte erreichen.
Beim Benutzen verschiedener Gesangsgruppen kann man gerade im Chor das Problem überbrücken, dass man Obertongesang nicht mit Text ausführen kann.

Zur Zeit existieren nur wenige Stücke, die eigens für Obertongesang geschrieben wurden (z.B. von Sarah Hopkins, Karlheinz Stockhausen, Stuart Hinds, Christian Bollmann). das Interesse am Obertongesang nimmt außergewöhnlich zu, besonders in Deutschland gibt es schon eine ganze Reihe von Chören, welche sich dieser Art Gesang widmen. Darum bin ich davon überzeugt, dass ihr Gesang auch die Komponisten zu einer neuen Form des Schaffens inspirieren wird, und zwar zur Komposition von Obertonstücken.

Ich möchte aus meinem Obertonchor ,"Spektrum" einen Spitzenchor machen, der sowohl ,,normale" als auch Obertonlieder schön singt. Ich wünsche mir, dass wir
Komponisten dazu inspirieren werden, auch Obertonstücke zu schreiben. Gerne würde ich Kontakte zwischen Chorsängern und Obertonsängern knüpfen.
Ich glaube, dass es Sinn macht.

J.S. April 2005

 

Über das Obertonsingen

Mit jedem Ton, den wir hören, erklingen auch seine Obertöne.
Diese höheren Töne klingen gewöhnlich schwach, so dass wir sie meistens nicht als eigenständige Töne hören.
Wir sind es gewohnt, sie als Farbe des Grundtones wahrzunehmen und zu interpretieren.
Je nach der Zusammensetzung der einzelnen Obertöne erkennen wir, ob der Ton von einem Mann oder von einer Frau gesungen wird oder ob er von einem Instrument erzeugt wird.
Auf Musikinstrumenten ist es oft möglich, Töne so hervorzuheben, dass sie auch als eigenständige Töne hörbar werden.
Auf ähnliche Weise kann man auch beim Singen durch die Mundstellung einen Resonanzraum schaffen, so dass einige Obertöne ganz deutlich hervortreten.
Dann singt der Sänger zwei verschiedene Töne gleichzeitig. Außer dem gewöhnlichen, von den Stimmbändern gebildeten Ton erklingt noch ein hoher Oberton, ähnlich wie der Ton einer Flöte. Dies klingt sehr schön.
Der hohe Oberton erklingt nämlich intonationsmäßig völlig sauber, ihn falsch zu singen ist aus physikalischen Gründen nicht möglich.
Mit ein wenig Übung kann jeder Sänger zweistimmig singen lernen.
Schon das einfachste Obertonsingen ist physisch sehr angenehm, die Resonanz der hohen Töne durchdringt den ganzen Körper und ruft eigene, kaum vergleichbare Gefühle hervor. Es ist Entspannung, ein Eintauchen in die Meditation.
Man spricht sogar von heilender Wirkung.
Die historische Wiege dieses Gesanges ist Ostasien.
In den Gebieten der Mongolei, des Tuva und Tibet ist das Obertonsingen schon seit Jahrhunderten Teil der Volkskultur und auch religiöser Zeremonien.
Im Laufe der letzten dreißig Jahre versuchten einige Europäer diese Gesangsart zu erlernen und sie in irgendeiner Form in unsere Kultur zu bringen. Namentlich David Hykes und Michael Vetter legten den Grundstein des neuen - europäischen - Obertongesanges ( ng-Technik, bird-Technik, gong-Technik).
David Hykes (spätere Nachfolger wurden Christian Bollmann, Wolfgang Saus, Chris Amrhein und andere) begann um rund 1970 mit dem Klang der Obertöne auch im Chor zu experimentieren. Gerade hier zeigt sich der Obertongesang in seiner schönsten Pracht. Ausdrucksvoll klingende Obertöne bringen die Sänger zu ungewöhnlicher Sauberkeit in der Intonation, kleine Intervalle zwischen hohen Obertönen bilden schöne, hochklingende Dissonanzen.
Es entstehen bezaubernde Klangbilder.
Auch der einfache Klang eines Obertones ist faszinierend und mit nichts Bisherigem vergleichbar.

Mehrere Informationen findet man auf (www.oberton.org).

J.S. März 2005

 

DAS OBERTON-ATELIER BEIM FESTIVAL BOHEMIA CANTAT

Jan Staněk, März 2005

Das Oberton-Atelier hat im Rahmen des Festivals Bohemia Cantat das erste Mal 2004 stattgefunden. Wir haben es gemeinsam mit Wolfang Saus (www.oberton.org) geleitet, und neben dem Obertongesang-Kurs für Anfänger sind wir auch zu einem schönen Spiel mit dem Klang eines ausgereiften Gesangchors gelangt, der mit Obertönen bereichert wurde. Wir haben sogar zwei Lieder einstudiert, in denen wir im Chorklang die Obertontechniken geltend machten.

Mit dem Obertongesang sind meistens Menschen aus den Yoga- und ähnlichen "meditativen" Kreisen befasst. Der Chorklang und die Musik sind jedoch in der Regel nicht ihr Anliegen. Oft haben sie mit dem Chorgesang auch keine Erfahrungen.

Die Chorleiter und erfahrenen Sänger aus den Gesangschören wiederum glauben in der Regel nicht, daß man den Obertongesang im Chor anwenden kann, und sind deshalb nicht bereit, weitere Energie zu investieren, um den Obertongesang zu erlernen.

Die hochkarätigen Obertonchöre (z.B. Harmonic choir mit David Hykes, Obertonchor Düsseldorf mit Christian Bollman, Prana Sound u.a. ) widmen sich wiederum nur "der speziellen Art meditativer Musik" und erwecken so ungewollt den Eindruck, daß es entweder nur Oberton- oder "normale" Chöre geben kann.

Bislang gibt es nur wenige Kompositionen für Gesangschöre, die auch den Obertongesang nutzen (Sarah Hopkins, Karlheinz Stockhausen, Stuart Hinds, Christian Bollmann).

Ich bin allerdings nach mehreren Jahren experimentieren mit dem Chorklang überzeugt, dass viele Kompositionen für Gesangschöre sowie arrangierte Volkslieder (ohne Eingriffe in die Partitur) selbst mit nur ganz leise klingenden Obertönen sehr wohl bereichert werden können. Ich glaube, daß die Obertontechniken dem Chorklang eine neue Dimension verleihen können und im Chorgesang sehr gut anwendbar sind.

Ich bin fest überzeugt, dass die Suche auf diesem Feld sinnvoll ist und dass es sich lohnt, sich ihm zu widmen.

Meine Vision ist:

Ich möchte, daß das alljährliche Oberton-Atelier unseres Festivals zum Wallfahrtsort jener Chorleiter und Sänger wird, die - ähnlich wie ich - die Schönheit der Obertonkonsonanz im Chorgesang suchen, solcher, denen es nicht nur um das gemeinsame Singen bei der Meditation geht, sondern die die Obertongesangstechnik in den Dienst der Musik stellen wollen;

solcher, für die allein der Klang des Chors ein ausreichend anziehendes Phänomen ist.

Ich glaube, daß solche regelmäßige Begegnungen und die gemeinsame Suche nach einem schönen Chorklang in den Chorkompositionen auch weitere Komponisten dazu inspirieren werden, moderne Chormusik mit Obertonpart zu schreiben.

Ich glaube, dass derartige Begegnungen - gerade beim Festival der "normalen" Chormusik - beide Gruppen bereichern kann: sowohl die Chor- als auch die Obertonsänger. Die Obertonsänger werden vielleicht die Schönheit des Chorsingens für sich entdecken, beginnen Noten zu lernen und im Chor zu singen. Und die Chorsänger werden wiederum vielleicht begreifen, daß der Obertongesang gerade im Chor neue Möglichkeiten für die Entstehung eines schönen Klanges bietet.

Das Atelier wird immer von führenden Persönlichkeiten aus der Welt des Obertongesangs und von erfahrenen Chorleitern geführt.

Im Atelier wird es Platz geben sowohl für die Obertonsolisten als auch für klassische Chorsänger, die allerdings zumindest über Grundkenntnisse über den Obertongesang verfügen sollen (indem sie irgendeinen Obertonkurs absolviert oder zumindest darüber - z.B. das Buch von Wolfgang Saus - Oberton singen - gelesen haben. Info www.oberton.org ). Wir werden uns im Atelier immer auch der Vervollkommnung der Obertongesangstechniken widmen, der Obertonkurs für Anfänger wird jedoch nicht mehr wiederholt.

Im Rahmen des Obertonkonzertes am Samstag werden die Obertonsolisten und -chöre auch die Möglichkeit zu einem kurzen Auftritt bekommen.

Ich wünsche mir, dass das Festival Bohemia Cantat durch das Obertonatelier auch zum Ort von qualifizierten Diskussionen und vom Meinungsaustausch über die Problematik der Schaffung eines schönen Chorklangs wird.

Falls Sie von Chorleitern oder Sängern wissen, für die die Teilnahme am Obertonatelier beim Festival Bohemia Cantat interessant sein könnte, leiten Sie an sie diese Einladung bitte weiter.

Ich freue mich auf die Begegnung mit Ihnen.

Jan Staněk, künstlerischer Direktor des Festivals


Letzte modikation am: April 18, 2011